
Viele Lehrer*innen kennen das Gefühl von „Es ist nie genug!”
Nie genug vorbereitet. Nie genug geschafft. Nie genug gegeben.
Perfektionismus fühlt sich für viele Lehrer*innen an wie ein ständiger Sprint.
Gleichzeitig ist Perfektionismus im Lehrer*innenberuf besonders heimtückisch:
Er sieht von außen oft aus wie Engagement, Verantwortungsgefühl oder Professionalität.
Doch er fühlt sich häufig nach Druck, Stress und Versagensangst an.
In diesem Artikel zum Thema Perfektionismus im Lehrer*innenberuf möchte ich aus meiner Perspektive zeigen:
Warum Perfektionismus bei Lehrer*innen so verbreitet ist, wie er entsteht, warum er Stress und Beziehungsschwierigkeiten verstärkt und wie du aus dieser Schleife herausfinden kannst.
Inhaltsverzeichnis
1. Warum Perfektionismus im Lehrer*innenberuf so massiv ist
Studien wie das Deutsche Schulbarometer zeigen seit Jahren, wie stark Lehrer*innen psychisch belastet sind.
Meine Erfahrung in Coaching und Therapie ergänzt diese Zahlen um die innere Perspektive.
Lehrer*innen arbeiten im System Schule in einem Umfeld, in dem …
- es keine klare Grenze zwischen „genug“ und „noch nicht genug“ gibt – mehr geht immer,
- Privat- und Arbeitsleben im Lehreralltag oft ineinander übergehen,
- sehr viele Erwartungen gleichzeitig an sie herangetragen werden,
- emotional anspruchsvolle Beziehungen ständige Präsenz verlangen,
- der Anspruch, „für alle da zu sein“, oft größer ist als die eigenen Ressourcen,
- gesellschaftlicher Druck und politische Schieflagen auf Lehrer*innen lasten,
- eine große Motivation und Leidenschaft für den Lehrer*innenberuf besteht,
- und das Bedürfnis, sich um andere zu kümmern, häufig stark ausgeprägt ist.
Perfektionismus entsteht nicht im luftleeren Raum.
Er ist meistens eine Reaktion auf dauerhafte Überforderung, im System und innerhalb der eigenen Geschichte.
2. Was ist eigentlich Perfektionismus? (bei Lehrer*innen)
Perfektionismus wird oft mit hohem Engagement oder Gewissenhaftigkeit verwechselt – dabei sind das unterschiedliche Dinge.
- Gewissenhaftigkeit ist freiwillig.
- Perfektionismus fühlt an, wie eine Pflicht.
Er kann kurzfristig zu guten Leistungen motivieren. In seiner dysfunktionalen Form wird Perfektionismus im Lehrerberuf jedoch zu einer psychischen Belastung: Der eigene Wert hängt dann fast vollständig von Erfolg ab. Fehler werden nicht als Lernchance erlebt, sondern als persönliches Scheitern. Das erhöht das Risiko für Erschöpfung, Burnout bei Lehrer*innen oder für andere psychische Symptome.
Perfektionismus zeigt sich weniger als Charakterzug, sondern eher als Bewältigungsstrategie. Viele Lehrer*innen nutzen ihn (meist unbewusst), um:
- Anerkennung zu bekommen,
- Kritik oder Fehlbarkeit im Schulkontext zu vermeiden,
- ein Gefühl von Kontrolle im Schulalltag herzustellen,
- oder nicht wahrnehmen zu müssen, wie überfordernd die Situation eigentlich ist.
Im Kern steckt darin oft das Empfinden, gar nicht anders handeln zu können. Viele Lehrer*innen, mit denen ich im Lehrer Coaching arbeite, empfinden Perfektionismus anfangs sogar als Stärke oder Qualitätsmerkmal. Doch auf Dauer wird die Strategie starr: Sie erlaubt keine Abweichung, keine Pausen und kein „good enough“. Und an dieser Stelle beginnt er auszubrennen, statt zu motivieren.
3. Die Wurzel des Problems: Nicht dein Perfektionismus, sondern seine Geschichte
Das Gefühl, “es ist nie genug”, beruht häufig auf dem Glaubenssätzen wie:
- “Ich bin nicht genug.”
- „Nur wenn ich perfekt bin, bin ich wertvoll.“
- „Ich darf keine Fehler machen.“
- „Ich muss funktionieren.“
- „Ich darf niemanden enttäuschen.“
Vielleicht kennst du das aus der Kindheit:
- hohe Erwartungen
- wenig emotionale Unterstützung
- Lob nur für Leistung
- der Wunsch, „alles richtig zu machen“
- Angst vor Kritik
Diese Sätze wirken auch Jahrzehnte später im Klassenzimmer weiter.
Und um die vermeintlichen Erwartungen anderer zu erfüllen, sind wir bereit, die eigenen Bedürfnisse zu übergehen.
4. Wie das Schulsystem Perfektionismus begünstigt (meine fachliche Einschätzung)
Aus meiner Arbeit mit Lehrer*innen habe ich den Eindruck, dass Perfektionismus im System Schule nicht zufällig entsteht, sondern oft über Jahre hinweg aufgebaut wird. Das ist keine wissenschaftliche Aussage, sondern meine persönliche Einschätzung aus Lehrer Coaching und Therapie.
4.1 „Es reicht nie“ – wie ein überlastetes Schulsystem Perfektionismus täglich verstärkt
Ein dauerhaft überlastetes, unterfinanziertes Schulsystem signalisiert Lehrer*innen jeden Tag, dass es nicht reicht.
Und das tut es objektiv nicht.
Die Ressourcen reichen schlicht nicht für:
- ausreichend Personal
- kleinere Klassen
- Zeit für Beziehungsgestaltung
- individuelle Förderung
- angemessene Vor- und Nachbereitung
- echte Pausen
- ein gesundes Maß an emotionaler Arbeit
- echte Teamarbeit statt Feuerlöschen
Wenn du als Lehrer*in täglich erlebst, dass etwas fehlt — Zeit, Räume, Unterstützung, Struktur — dann ist die Botschaft, die im Nervensystem ankommt:
„Du musst mehr leisten, damit es trotzdem funktioniert.“
Viele ziehen daraus (verständlicherweise) falsche Schlüsse, wie:
- „Ich reiche nicht.“
- “Vielleicht liegt es ja doch an mir.”
Dabei liegt das Problem nicht in dir, sondern im System.
Es ist nicht deine Aufgabe als Lehrer*in, mit Perfektionismus die Lücken zu füllen, die eigentlich politisch und strukturell geschlossen werden müssten.
4.2 Bewertungsgeschichte, Leistung & Druck: Wie Perfektionismus sozialisiert wird
Viele Lehrer*innen berichten, dass sie bereits in ihrer eigenen Schulzeit gelernt haben: Wert entsteht durch Leistung:
- Gute Noten wurden gelobt.
- Fehler wurden kritisiert, manchmal offen, manchmal subtil.
- Leistung zählte mehr als Gefühl.
- „Mach es richtig“ war wichtiger als „Wie geht es dir?“.
Diese Dynamik setzt sich nach ihrer Erzählung häufig im Studium fort und erfährt im Referendariat einen regelrechten Höhepunkt. Dort sprechen viele von einem Gefühl permanenter Beobachtung, von minutiös geplanten Stunden und dem Eindruck, dass kleinste Fehler große Konsequenzen haben könnten. Daraus entsteht ein Klima, in dem „gut genug“ kaum existiert.
5. Überforderung + Perfektionismus = der perfekte Nährboden für Ohnmacht
Aus meiner Sicht entsteht aus der Kombination eine perfide Schleife:
- Das System signalisiert dir: „Es reicht nicht.“
- Dein Perfektionismus antwortet: „Dann streng dich mehr an.“
- Dein Körper sagt irgendwann: „Ich kann nicht mehr.“
- Das System antwortet: „Mach trotzdem weiter.“
In dieser Schleife brennen viele Lehrer*innen aus. Perfektionismus wirkt in diesem Kontext wie eine Notlösung, um strukturelle Defizite zu kompensieren.
Das Ergebnis?
- Ohnmacht.
- Erschöpfung.
- Wut, die keinen Platz findet.
- Körperliche Symptome.
- Burnout
6. Wo Perfektionismus dich im Lehrer*innenalltag besonders belastet
6.1 In der Vorbereitung – der Versuch, Kontrolle herzustellen
Perfektionistische Lehrer*innen verbringen oft extrem viel Zeit mit der Vor- und Nachbereitung ihres Unterrichts. Stundenpläne werden immer wieder überarbeitet, Materialien „noch schnell“ verbessert, mögliche Störungen gedanklich vorweggenommen. Selten fühlt es sich wirklich fertig an.
Viele berichten:
- „Ich kann erst aufhören, wenn alles perfekt ist.“
- „Ich traue mich nicht, unvorbereitet in eine Stunde zu gehen – auch wenn es eigentlich reichen würde.“
In der Vorbereitung dient Perfektionismus häufig dazu, Sicherheit herzustellen:
Wenn alles durchdacht ist, wenn jedes Material sitzt, wenn mögliche Störungen vorweggenommen sind, entsteht kurzfristig das Gefühl von Kontrolle.
Die langfristigen Folgen sind jedoch:
- Arbeiten bis spät in den Abend
- dauerhaft verkürzte Erholungszeiten
- kaum echte Pausen – auch mental
- das Gefühl, nie richtig abschalten zu können
Dabei entsteht eine paradoxe Situation:
Je mehr Energie in Perfektion fließt, desto weniger bleibt für Regeneration, Beziehung und Präsenz. Der Körper bleibt im Anspannungsmodus – nicht wegen des Unterrichts selbst, sondern wegen des ständigen inneren Drucks, „noch nicht genug“ vorbereitet zu sein.
Perfektionismus verspricht Sicherheit – im Schulalltag ist das jedoch eine Illusion. Kein Unterricht lässt sich vollständig kontrollieren. Die ständige mentale Vorwegnahme möglicher Probleme erhöht langfristig den Stress, statt ihn abzufedern.
Hier noch ein paar Gedanken zum Thema Sicherheit bei Lehrer*innen.
6.2 Im Unterricht – wenn Kontrolle zerbricht
Während Perfektionismus in der Vorbereitung versucht, Kontrolle zu erzeugen, zeigt er sich im Unterricht oft dort, wo diese Kontrolle nicht mehr aufrechtzuerhalten ist.
Perfektionismus macht Unterricht dann schwerer, weil du:
- jede Stunde innerlich bewertest („War das gut genug?“)
- Kritik oder Störungen persönlich nimmst
- spontanes Reagieren verlierst, weil alles vorher festgelegt sein „muss“
- Konflikte als eigenes Versagen interpretierst
Der Schulalltag ist jedoch unvorhersehbar: Schüler*innen reagieren anders als geplant, Stimmungen kippen, Dynamiken entstehen im Moment. Wenn Perfektionismus regiert, entsteht hier ein innerer Konflikt zwischen dem Plan und der Realität.
Das hat zwei Konsequenzen:
Zum einen kann Unterricht an Lebendigkeit verlieren, weil wenig Raum für Spontaneität, Beziehung und echte Resonanz bleibt.
Zum anderen ist es hochbelastend, ständig zu versuchen, Situationen zu kontrollieren, die sich deiner Kontrolle entziehen.
Perfektionismus im Unterricht bedeutet nicht nur „hohe Ansprüche“, sondern oft:
- innere Anspannung
- ein ständiges inneres Beobachtet-Werden
- Schuldgefühle, obwohl du erschöpft bist
Der Druck verschiebt sich dann vom Außen ins Innen und bleibt dort.
6.3 In Beziehungen zu Schüler*innen
Ich habe die Erfahrung in der Schule gemacht, dass Schüler*innen häufig seismografisch auf deine Stimmung als Lehrer*in reagieren. Sie spüren sowas wie Perfektionismus sofort. Sie reagieren oft mit:
- Widerstand
- Rückzug
- Testen von Grenzen
- Provokationen
Warum?
Weil Perfektionismus Härte erzeugt und Härte Distanz. Und weil du für eine gute Beziehung in Beziehung mit dir selbst sein musst, was du nicht bist, wenn du die eigenen Bedürfnisse nicht wahrnimmst oder missachtest.
6.4 Im Kollegium
Perfektionistische Lehrer*innen ziehen sich oft, aus Angst vor Bewertung durch andere Lehrer*innen, zurück. Sie werden beherrscht von Gedanken, wie:
- „Ich mache Fehler.“
- „Ich bin nicht professionell genug.“
- „Andere schaffen mehr.“
Das macht einsam und erhöht den Druck.
7. Wie du aus der Perfektionismusfalle aussteigen kannst (3 konkrete Schritte)
Schritt 1: Werde dir deiner inneren Antreiber bewusst
Frage dich:
- Was genau verlangt mein Perfektionismus heute von mir?
- Welche Angst steckt dahinter?
- Was würde passieren, wenn es „gut genug“ wäre?
Allein dieses Bewusstwerden schafft Abstand.
Schritt 2: Nach Ausnahmen suchen
Es gibt immer Ausnahmen. Überlege:
- Wann konntest du mal etwas “gut genug” sein lassen?
- Was genau war da anders?
- Was hast du da anders gemacht?
- Wie kannst du diese Beobachtungen auf andere Situationen übertragen?
Schritt 3: Mache neue Erfahrungen
Als Kind hast du vielleicht die Erfahrung gemacht, nicht zu genügen.
Diese Erfahrung kannst du Schritt für Schritt mit neuen Erfahrungen überschreiben.
Mach täglich ein kleines Experiment – und nutze bewusst das, was dich dabei unterstützen kann (siehe Schritt 2).
Was wäre heute „gut genug“?
Das könnte sein:
- 5 Minuten Vorbereitung weniger
- ein spontaner Unterrichtsmoment
- nicht jeder Konflikt ein Gespräch
- eine Pause, egal wie kurz
- eine Grenze setzen
Lege genau fest, wann du das Experiment machst und wer oder was dich dabei unterstützen kann.
8. Wie Coaching und Therapie dir helfen können
Ich möchte nicht die Illusion aufbauen, dass du einfach diese drei Schritte befolgen musst und damit dein Problem auf jeden Fall gelöst ist. Diese Schritte können dir helfen, wenn du bereits eine gute Selbstwahrnehmung und vielleicht sogar schon Therapie- oder Coachingerfahrung hast. Wenn das nicht der Fall ist, möchte ich dir Coaching und in diesem Fall vor allem Therapie ans Herz legen. Denn die Glaubenssätze, die hinter Perfektionismus stehen, sind oft tief in uns verankert.

In Coaching oder Therapie kannst du:
- innere Glaubenssätze erkennen
- Wut, Scham oder Angst ausdrücken
- alte Muster würdigen statt bekämpfen
- herausfinden, was du wirklich brauchst
- deine Beziehungsfähigkeit stärken
- neue Erfahrungen machen, die Perfektionismus ersetzen
Du wünschst dir Unterstüzung in diesem Prozess?
Dann schau doch mal auf meiner Website vorbei. Ich biete Coaching und Therapie sowie Gruppenangebote für Lehrer*innen und Referendar*innen an. In Berlin und online.
9. Fazit: Perfektionismus als Hinweis
Perfektionismus zeigt dir nicht, dass du „zu hohe Ansprüche“ hast.
Er zeigt dir, dass irgendwo ein Bedürfnis unerfüllt, ein Alter Schmerz aktiv oder eine Grenze überschritten wurde.
Deswegen kann es für dich ein wichtiger Wegweiser sein, ihn anzuschauen.
Wenn du ihn ernst nimmst, statt gegen ihn anzukämpfen, kann etwas Neues entstehen:
- Selbstwirksamkeit
- Klarheit
- Präsenz
- Leichtigkeit
- Echte Beziehung
Und das ist eine Grundlage für guten Unterricht und ein gesundes Berufsleben.
10. Wiederkehrende Fragen

Was ist Perfektionismus im Lehrer*innenberuf?

Warum sind viele Lehrer*innen besonders perfektionistisch?

Was ist der Unterschied zwischen Perfektionismus und Gewissenhaftigkeit?

Wie hängt Perfektionismus mit Stress und Burnout bei Lehrer*innen zusammen?

Wie kann Coaching oder Therapie bei perfektionistischen Lehrer*innen helfen?

Ist Perfektionismus bei Lehrer*innen auch ein Zeichen von einem hohen Sicherheitsbedürfnis?
- Über die Autorin
WER BIN ICH?

Wiebke Heiber
Gründerin TeacherscareIch bin Wiebke Heiber, habe immer wieder als Lehrerin gearbeitet und wollte Schule schon immer verändern. Lange hatte ich das Gefühl, es müsse sich einfach alles ändern. Das fühlte sich so überfordernd an, dass ich lieber gar nichts gemacht habe.
Und ja, Bildung muss endlich höchste Priotität und damit Ressourcen und Wertschätzung auf politischer Ebene erhalten. Und gleichzeitig empfinde ich es als frustrierend nur auf dieser Ebene anzusetzen und auf Änderungen zu warten, während der Schulbetrieb weiter läuft.
Deswegen möchte ich Lehrer*innen dahingehend stärken, dass sie für sich und ihre Werte einstehen. Und vorhandene Gestaltungsräume wahrnehmen, nutzen und vergrößern.




