Das Referendariat ist die Hölle? Du überlegst abzubrechen? Wie ich das Referendariat vielleicht überlebt hätte – und 4 Dinge, die ich dir mitgeben möchte

Emoji: ein lächelnder Haufen mit hochgestrecktem Daumen, der symbolisiert, dass das Referendariat zur Hölle werden kann – und doch vier hilfreiche Tipps, um es zu überstehen.
Ein Haufen mit hochgestrecktem Daumen symbolisiert, dass das Referendariat zur Hölle werden kann und vermittelt dennoch vier wichtige Tipps, um es zu überstehen.
Emoji: ein lächelnder Haufen mit hochgestrecktem Daumen, der symbolisiert, dass das Referendariat zur Hölle werden kann – und doch vier hilfreiche Tipps, um es zu überstehen.

Einleitung: Warum ich das Referendariat nicht abbrechen konnte

Ganz einfach, ich habe es nie angefangen. Möp! 

Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, das Referendariat zu machen. Nicht, weil mir Bildung egal wäre – im Gegenteil. Ich brenne für Bildung. Ich liebe die Arbeit mit Schüler*innen. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich innerhalb des Referendariats mit großer Wahrscheinlichkeit doch sehr über meine eigenen Grenzen gehen müsste.

Und klar, ich weiß, dass man Glück haben kann. Dass es tolle Mentor*innen gibt, inspirierende Seminarleiter*innen und dass eine Zeit sein kann, in der man viel lernt. Und ich kenne auch Menschen, die das erlebt haben. Aber ich sehe auch die Strukturen, die in meinen Augen dringend überarbeitet werden müssten: der enorme Druck, die Enge der Erwartungen, das Gefühl, permanent bewertet zu werden – all das lässt wenig Raum für Haltung, Wachstum, Kreativität oder echte Beziehung.

Mein Wunsch, ganz in der Schule zu arbeiten, war nie stark genug, um diesen Schritt zu gehen. Stattdessen möchte ich Schule mitgestalten, weiterdenken, verändern. Und wenn ich heute Referendar*innen begleite oder mit ihnen arbeite, dann möchte ich ihnen genau das mitgeben, was ich mir selbst wünschen würde: Augenhöhe, Unterstützung und Raum für eigene Erkenntnisse.

1. Austausch auf Augenhöhe: Dein bestes Schutzschild gegen Einsamkeit und Zweifel

Das Referendariat ist für viele eine Phase der Unsicherheit und der ständigen Bewertung. Viele merken hier zum ersten Mal, wie allein sie sich eigentlich fühlen. Kennst du das? Vor allem, wenn der Gedanke ans Abbrechen immer lauter wird, bleiben viele mit ihren Fragen allein. Dabei könnte vieles leichter werden, wenn es mehr offenen Austausch gäbe.

Was ich dir als Referendar*in wünsche:

  • Ehrlichen Austausch mit Gleichgesinnten, ohne Angst vor Bewertung
  • Menschen, die wirklich zuhören, ohne vorschnell Tipps zu geben
  • Einen Rahmen, in dem Scheitern als Lernprozess gesehen wird

Praxisübung: Perspektivwechsel

Setzt euch zu zweit gegenüber – am besten mit einer anderen Person aus dem Referendariat.

Vorbereitung

  • Sucht euch einen ruhigen Ort.
  • Setzt euch gegenüber und schaut euch an (wenn es nicht unangenehm ist).

Schritt 1: Erzählen & Zuhören

  • Eine Person beginnt und erzählt von einem aktuellen Problem oder einer belastenden Situation.
  • Die andere Person hört einfach nur zu.
    Ohne zu unterbrechen, ohne Fragen zu stellen, ohne Ratschläge oder Bewertungen.

Schritt 2: Spiegeln

  • Die zuhörende Person fasst anschließend in eigenen Worten zusammen, was sie gehört hat.
    Nicht interpretieren, nicht verbessern, nicht kommentieren (das ist wirklich wichtig :)) – nur wiedergeben.

Schritt 3: Perspektivwechsel

  • Tauscht jetzt den Platz
  • Jetzt wechselt ihr bewusst die Perspektive:
  • Jede Person beschreibt kurz, wie sich die Situation aus der Rolle der jeweils anderen Person anfühlt.
    Also nicht: „Ich denke, du solltest …“, sondern z. B.:
    „Wenn ich an deiner Stelle setzte, fühlt sich das für mich gerade so an …“

Schritt 4: Zurück zu dir

  • Danach kehrt jede Person wieder zu sich selbst zurück und sagt:
    Wie geht es mir jetzt gerade?
    Was hat sich verändert – vielleicht nur ein kleines bisschen?

Schritt 5: Rollen tauschen

  • Anschließend werden die Rollen gewechselt und die Übung beginnt von vorne.

Warum diese Übung hilft

  • Gedanken dürfen sich sortieren, ohne bewertet zu werden.
  • Du wirst gehört, ohne dich erklären oder rechtfertigen zu müssen.
  • Oft entsteht schon durch das Zuhören und Spiegeln mehr Klarheit – ganz ohne Lösungsvorschläge.
  • Der Perspektivwechsel kann Dinge in Bewegung bringen.

Wenn du dich im Referendariat überfordert fühlst oder immer öfter ans Abbrechen denkst, wünschst du dir vielleicht einen Raum für Austausch.
Ich biete einen offenen Online-Austauschraum für Referendar*innen an:
90 Minuten, ohne Bewertung, ohne Ratschläge, ohne Vorbereitung.

An welcher Stelle hängst du gerade am meisten?

2. Stärken und Ressourcen sehen: Dein Anker im Sturm der Kritik

Im Referendariat wird oft darauf geschaut, was nicht klappt. Das höre ich in der Arbeit mit Referendar*innen immer wieder. Kein Wunder, dass da viele ans Abbrechen denken. Doch was wäre, wenn du den Fokus darauf legst, was gut funktioniert? Ressourcenorientiertes Denken kann ein Gamechanger sein.

Was ich dir wünsche:

  • Jemanden, der deine Stärken sieht und fördert
  • Einen Blick für das, was Freude macht und Energie gibt
  • Mehr Fokus auf kleine Erfolge

Praxisübung: Deine Erfolge sichtbar machen

Nimm dir einen Moment Zeit und schau bewusst nach dem, was gerade gut läuft.

Es können ganz kleine Dinge sein.

Das können zum Beispiel sein:

  • einzelne Unterrichtsstunden
  • kurze Momente mit einer Klasse
  • ein Gespräch, das sich stimmig angefühlt hat

Schritt 1: Sammeln
Schreib dir alles auf, was dir einfällt – auch wenn es unscheinbar wirkt.
Hier geht es nicht um die großen „Erfolge“, sondern um Momente, die sich etwas leichter, klarer oder lebendiger anfühlen.

Schritt 2: Genau hinschauen
Wähle ein oder zwei dieser Situationen aus und frag dich:

  • Was war hier anders als sonst?
  • Was habe ich konkret anders gemacht?

Schritt 3: Muster erkennen
Vielleicht merkst du zum Beispiel:

  • Gespräche mit einzelnen Schüler*innen gelingen mir besonders.
  • Ich fühle mich sicherer, wenn es einen klaren Rahmen gibt.
  • Bestimmte Tageszeiten tun mir besser als andere.

Das sind wichtige Hinweise – keine Zufälle.

Schritt 4: Vergrößern
Überlege dann ganz konkret:

  • Wie könnte ich solchen Momenten öfter Raum geben?
  • Was davon lässt sich bewusst wiederholen?
  • Wo kann ich etwas Kleines verändern, um mehr davon zu ermöglichen?

Schritt 5: Ein nächster kleiner Schritt
Zum Schluss:
Was wäre ein realistischer nächster, kleiner und machbarer Schritt?

Zum Beispiel:

  • öfter Einzelgespräche bewusst einplanen
  • bestimmte Inhalte zu einer Tageszeit legen, die mir besser liegt
  • meine Vorbereitung an dem orientieren, was mir Sicherheit gibt

Es geht nicht darum, alles umzubauen.
Sondern darum, das zu stärken, was dich bereits trägt.

3. Umgang mit dem Unkontrollierbaren: Was ist deine Superkraft?

Du kannst nicht beeinflussen, wie dein Unterrichtsbesuch drauf ist, dich bewertet oder ob eine Klasse gerade besonders herausfordernd ist. Und auch deine eigene Reaktion in solchen Momenten bewusst zu steuern, ist nicht gerade easy. Aber was du ziemlich gut beeinflussen kannst, ist die Art und Weise, wie du in solche Situationen reingehst.

Was ich dir wünsche:

  • Bewusstsein über deine Ressourcen
  • Bewusstsein über deine Energiequellen
  • Ein Gefühl von Selbstwirksamkeit – gerade dann, wenn außen alles wackelt

Praxisübung: Dein Anker in stressigen Situationen

Versuch mal, für dich ein bisschen zu forschen:

  • Was bringt dich in eine gute Stimmung?
  • Was hilft dir, wirklich runterzufahren?
  • Was gibt dir Kraft und Selbstvertrauen?

Für mich persönlich ist es zum Beispiel super, schnell laufen zu gehen, wenn ich in eine gute Energie kommen will. Yin Yoga hilft mir, richtig runterzufahren. Und wenn ich singe, geht meine Laune durch die Decke.

Vielleicht weißt du sofort, was dir hilft. Vielleicht musst du ein bisschen experimentieren. Was tut dir am Abend vor einem stressigen Tag gut, um den Kopf freizukriegen? Was bringt dich morgens in eine ruhige, klare Haltung?

Wichtig: Achte bei dieser Übung darauf, dass dein „Anker“ wirklich in deiner Hand liegt. Kein „Wenn nur die Klasse mal besser wäre“, sondern: Was kannst du tun – konkret, jetzt, hier?

Wenn sich hier ein kleiner Unterschied gezeigt hat – wie sah er bei dir aus?

4. Du musst da nicht allein durch: Hol dir Unterstützung

Das Referendariat im Lehramt verlangt dir viel ab – emotional, körperlich, geistig. Und manchmal reicht “positives Denken” einfach nicht mehr. Wenn du ans Abbrechen denkst oder nur noch funktionierst, kann ein Blick von außen Gold wert sein. Auch, um dir bei der Entscheidungsfindung zu helfen. Vielleicht ist ein Abbruch gar nicht das, wovor du Angst haben musst. Vielleicht öffnet er dir Türen, von denen du bisher nichts wusstest, und setzt Energien frei, die du in dieser Form gar nicht erwartet hättest.

Wieble Heiber schaut lächelnd und wohlwollend an der Kamera vorbei zu einer*m Klient*in, dessen Kopf und Haare von hinten verschwommen zu sehen sind. Schwarz Weiß. 2 Logo Kissen in blau und grün sind auf dem ausgeschnitten Foto zu sehen.
Referendariat Lehramt Abbrechen?

Was ich dir wünsche:

  • Dass du erkennst, wann du allein nicht weiterkommst – und dass das kein Scheitern ist, sondern ein Akt der Selbstfürsorge
  • Dass du dich traust, dir Hilfe zu holen – von Coachings, Beratungsstellen oder Menschen, die dich stärken
  • Dass du dir erlaubst, in dich zu investieren – nicht nur fachlich, sondern auch menschlich

Praxisübung: Finde deine Unterstützer*innen

Mach dir eine Liste: Wer sind Menschen, bei denen du dich gesehen fühlst? Wo könntest du nach externer Unterstützung suchen, wenn du sie brauchst? Gibt es vielleicht auch Gruppen oder Communities (online oder offline), wo du dich mit anderen austauschen kannst?
Wenn du das Gefühl hast, festzustecken, sprich mit jemandem. Manchmal reicht schon ein einzelnes Gespräch, um zu sortieren:
Was ist Überforderung – und was vielleicht ein Zeichen, dass etwas nicht passt?
Was gehört zum System – und was brauche ich persönlich?

Wenn du dafür einen ruhigen, wertungsfreien Raum suchst, melde dich gern unverbindlich. Dieser Austauschraum ist besonders sinnvoll, wenn du gerade mit dem Ref strugglest, aber mit niemandem wirklich sprechen kannst.

Beratungsstellen für Referendar*innen:

  • GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft): Bietet Beratung und Unterstützung für Lehrkräfte, auch für Referendar*innen, an.
    https://www.gew.de/
  • Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE): Beratung und Hilfe für Lehrkräfte in verschiedenen beruflichen Situationen. https://www.vbe.de/

5. Wenn gerade alles zu viel ist: Du darfst erst einmal bei dir anfangen

Wenn du im Referendariat gerade am Limit bist, brauchst du vor allem eines:
keinen weiteren Anspruch an dich.

Sondern erst einmal:
stehen bleiben.
durchatmen.
wieder Boden unter den Füßen spüren.

Viele Referendar*innen, mit denen ich arbeite, sind sensibel, reflektiert und sehr engagiert. Genau das macht den Einstieg oft so schwer. Sie spüren sehr genau, wo etwas nicht stimmig ist – im System, in Beziehungen, in Erwartungen. Und gleichzeitig haben sie noch wenig Handlungsspielraum und kaum Schutzräume.

Deshalb geht es in dieser Phase aus meiner Sicht nicht darum, „mehr auszuhalten“ oder sich anzupassen.
Sondern darum, sich selbst nicht zu verlieren, während man lernt.

Fragen, die in dieser Zeit viel wichtiger sind als jede didaktische Feinjustierung, sind zum Beispiel:

  • Wie merke ich eigentlich, dass ich überfordert bin – körperlich, emotional?
  • Wo überschreite ich gerade meine eigenen Grenzen?
  • Was brauche ich, um wieder etwas stabiler zu werden?
  • Was sind meine Stärken und wie kann ich sie ausbauen?
  • Wer oder was kann mich unterstützen?

Wenn diese Fragen Raum bekommen, entsteht oft ganz von selbst etwas anderes:
mehr Klarheit,
mehr Selbstkontakt,
mehr innere Stabilität.

Nicht, weil plötzlich alles leicht wird, sondern weil du dich selbst wieder besser spürst und ernst nimmst.

Du wünschst dir mehr Anregungen für den Berufseinstieg? Dann schau dir meinen Blogartikel zum Thema Berufseinstieg an:

  • Über die Autorin

    WER BIN ICH?

    Wieble Heiber schaut lächelnd und wohlwollend an der Kamera vorbei zu einer*m Klient*in, dessen Kopf und Haare von hinten verschwommen zu sehen sind. Schwarz Weiß. 2 Logo Kissen in blau und grün sind auf dem ausgeschnitten Foto zu sehen.

    Wiebke Heiber
    Gründerin Teacherscare

    Ich bin Wiebke Heiber, habe immer wieder als Lehrerin gearbeitet und wollte Schule schon immer verändern. Lange hatte ich das Gefühl, es müsse sich einfach alles ändern. Das fühlte sich so überfordernd an, dass ich lieber gar nichts gemacht habe.


    Und ja, Bildung muss endlich höchste Priotität und damit Ressourcen und Wertschätzung auf politischer Ebene erhalten. Und gleichzeitig empfinde ich es als frustrierend nur auf dieser Ebene anzusetzen und auf Änderungen zu warten, während der Schulbetrieb weiter läuft.

    Deswegen möchte ich Lehrer*innen dahingehend stärken, dass sie für sich und ihre Werte einstehen. Und vorhandene Gestaltungsräume wahrnehmen, nutzen und vergrößern.

    Wiebke Heiber führt ein freundliches Online-Coaching am Computer durch. Online-Coaching für Lehrer*innen aus Bremen, Oldenburg, Berlin, München, Hamburg und Köln.

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